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His life his work

Interview du prince Luitpold de Bavière

INTERVIEW

“Früher tranken die Bayern Bier, um zu überleben”

Der Urenkel des letzten bayerischen Königs hat seine Familie zur Marke gemacht. Luitpold Prinz von Bayern über Ritterturniere, politische Entscheidungen im Biergarten und Otto von Habsburgs Trachtenhut.

Von David Baum

Luitpold Prinz von Bayern:

Luitpold Prinz von Bayern, 1951 geboren, ist von mütterlicher wie auch väterlicher Seite Urenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III. und Inhaber der König Ludwig Brauerei, sowie der Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Seit 1979 veranstaltet er das Kaltenberger Ritterturnier. In der theoretischen bayerischen Thronfolge steht er an Platz zwei. Er hat fünf Kinder, darunter die bekannte Krähenforscherin Auguste von Bayern sowie Ludwig von Bayern, der in Kenia ein IT-Unternehmen betreibt.

Lieber Prinz Luitpold, wir treffen Sie inmitten von bayerischen Rittern, Burgfräuleins und Knappen. Wieso inszenieren Sie im 21. Jahrhundert die Welt Ihrer Vorvorfahren, den bayerischen Herzöge, als Jahrmarkt?

Wir veranstalten die Kaltenberger Ritterspiele seit 38 Jahren. Damals gab es in Deutschland kein Ritterturnier, auch keine Mittelalterszene wie heute.  Turniere waren eigentlich verboten, seitdem man einen französischen König aufgespießt hat. Zeitweise waren die sogar mit Kirchenbann belegt.

Die historischen Turniere! Das, was Sie hier ausrichten, ist doch Show?

Natürlich, wir machen Unterhaltung. Das ist ja nicht verboten. Die Darsteller heute sind hochprofessionelle Stuntmen, die für Hollywood arbeiten. Zu Beginn war das allerdings anders, da gab es so eine wilde Truppe, wenn die sich am Vorabend stritten und gebechert haben wurde das auch Mal bitterer Ernst. Ich hatte die auf einer Geschäftsreise im Tower von London gesehen und war gleich begeistert. Das war schaurig wild. Die haben wir gleich rübergeholt. Der Erfolg hat uns völlig überrannt.  Am zweiten Tag standen hier zweitausend Leute, wir hatten nichts zu essen, keine Toiletten. Es war der Hammer.

Hatten Sie keine Bedenken, die Geschichte der eigenen Familie, dadurch zu banalisieren?

Nein, wir stellen ja keine konkrete historische Begebenheit dar. Mein Sohn Heinrich schreibt gemeinsam mit einem Autor das Buch für die Turniere. Wir haben uns angeschaut, was es früher bei solchen Festen gab – und das waren eben Gaukler, Schmankerl und Umzüge, das ist schon halbwegs authentisch. Wir achten darauf, dass die einzelnen Darsteller und Anbieter hereinpassen – lieber verzichten wir mal auf eine Standmiete, wenn die nicht über die Runden kommen, als etwas allzu Kommerzielles zuzulassen.

Diese offensive Leutseligkeit unterscheidet Sie von den meisten anderen ehemals regierenden deutschen Königs- und Fürstenhäusern.

Ich kann schwer sagen, wieso das so ist. Unsere Familie war von 1180 an bis zur deutschen Revolution durchgehend an der Regierung, 738 Jahre – das ist Rekord in Europa. Die Familie hatte viele Kunstsammler, es gibt also viele kulturelle Anknüpfungspunkte, die bis heute nachwirken, in Kirchen, Schlössern und so weiter. Unseren jeweiligen Familienchefs in den vergangenen 100 Jahren ist eine außergewöhnlich gute Koordination anzurechnen, die haben auch ohne offizielle Funktion gesagt: Bayern zuerst. Wir sahen uns als Diener des Landes, wir hatten ein eher bodenständiges Leben und nicht die Nase hoch getragen, sondern uns als Teil der Bevölkerung betrachtet.

 

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Gab es nach 1917 keinerlei Sehnsucht nach der politischen Macht?

Anders, als sie denken. Kronprinz Ruprecht hatte zwischen den Weltkriegen weiterhin eine starke Position im Land. Die Königspartei war die zweitstärkste Kraft im Land. Als dann die braune Zeit losging, waren das die größten Gegner der Nazis. Deshalb musste ein großer Teil der Familie ins Ausland fliehen, die die sie erwischt haben, waren alle im KZ. Auch das gehörte zu der Verantwortung für das Land, die wir auch der jüngeren Generation draufpacken.

In Ihrem Stammbaum finden sich zwei der legendärsten monarchischen Persönlichkeiten Märchenkönig Ludwig II. und Kaiserin Sisi. Hat sich auch deren Spleenigkeit vererbt?

Vor allem Ludwig war viel bodenständiger als man denkt. Der lebte im Sommer zeitweise in einfachen Hütten. Viel wichtiger ist, dass wir  historische Figuren unserer Familie beschützen. Ich beschäftige mich sehr damit, dass die nicht kommerzielles Freiwild sind. Deshalb sichern wir die gewerblichen Schutzrechte auf diese Namen. Wir wollen vermeiden, dass deren Bild fremdbestimmt ist. Es ist wichtig, dass man Herr der eigenen Geschichte bleibt. Es gibt Beispiele, wie das weniger gelungen ist.

Zum Beispiel?

Der von mir sehr geschätzt Onkel Otto Habsburg hat einem rührenden Hutverkäufer, bei dem er einen Trachtenhut gekauft hat, erlaubt, diesen nach ihm zu benennen. Seitdem hat der das Recht auf die Kleidermarke Habsburg. Der könnte damit auch Blödsinn treiben, was ich nicht unterstelle, durch die Marke wird das Unternehmen aber vom Verbraucher dem Haus Habsburg zugeordnet.

 

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Was machen Sie aus den Marken ihrer Vorfahren?

Wir stellen selbst das König-Ludwig-Bier her und haben Rechte für andere Bereiche, zum Beispiel Pflegeprodukte. Nicht weil wir damit das große Geschäft machen wollen. Wir erlauben einer Parfümerie in München, ein sehr exklusives König Ludwig-Parfum zu vertreiben, das ist es dann aber auch. Damit besetzen wir das Feld. Sie dürfen nicht vergessen, dass bereits zehn Jahre nach des Königs Tod der erste ein Markenrecht angemeldet hat. Das war ein König-Ludwig-Feigenkaffee, die Marke gibt es bis heute. Ich konnte die vor einigen Jahren Gottseidank erwerben. Wenn sowas in die Hände von einem Konzern wie Nestle geriete, wäre das ein Supergau.

Woher kommt die Liebe der Bayern zum Bier?

Bayern war vor einigen Jahrhunderten ein Weinland, da gab’s Weinberge bis nach Berchtesgaden. Dann kam die kleine Eiszeit und Wein wuchs nicht mehr. Wasser zu trinken ging nicht, das war dreckig, da bekam man Cholera, Ruhr und alles mögliche. In der Milch schlummerte die Tuberkulose. Ab fünf Prozent Alkohol gibt es keinen  gefährlichen Keim, der überlebt. Deshalb tranken auch die Kinder Bier.  Im 17. Jahrhundert war 60 Prozent der gesamten Nahrungsmittelaufnahme Bier, nahrhaft war es ja auch. Seit 1260 ist bei uns das Bier in der Familie.

 

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Von Christoph Fröhlich

Daher stammt auch das Reinheitsgebot, wie man weiß.

Das erste Lebensmitteschutzgesetz, das heute noch gilt! Das hatte verschiedene Gründe. Man wollte das wichtige Lebensmittel preiswert halten, wie auch verhindern, dass der als Grundnahrungsmittel wichtige Weizen ins Bier gelangt, und vor allem vor giftigen Pflanzen schützen, die oft reinversetzt wurden.

Moment, aber im Weißbier ist doch Weizen?

Ja, das ist eine spannende Geschichte. Die Produktion war verboten, aber der Kurfürst Maximilian hat ein altes bestehendes Recht aus Niederbayern als 17-Jähriger gekauft und konnte es deshalb herstellen. Der hat erkannt, dass er darüber in diesem Land, das ja absolut keine Rohstoffe hat, zu was kommt. Der muss ein kommerzielles Genie gewesen sein, ein früher Vertreter des Merkantilismus, der hat eine ganze Kette an Weißbierbrauereien eröffnet. Nachdem das seine private Idee war, ging das nicht an den Staat und hat eine eigene Kasse angelegt. Die war zweckbestimmt zum Erhalt des katholischen Glaubens und dem Erhalt der Herrschaft Bayerns durch das Haus Wittelsbach. Mit dem Geld hat er den Kaiser im 30-Jährigen Krieg finanziert. 24 Millionen Gulden hat er denen geliehen!

Das heißt, ohne Weißbier wären die Bayern heute Protestanten.

So ist es! Weiß man natürlich nicht, aber es könnte so sein.

Vor vier Jahren bemerkte Angela Merkel in einer Wahlkampfrede, dass die Deutschen sich über die Bayern wundern würden: wirtschaftlich erfolgreich, obwohl sie schon am Nachmittag beim Bier sitzen. Wie erklären Sie der Kanzlerin dieses bayerische Paradoxon?

Was für ein Paradoxon? Wir sind in dem Aspekt eben doch richtige Südländern, wir gehen mit allem relaxter um. Und nur weil wir im Biergarten sitzen, heißt das nicht, dass wir da nichts weiterbringen. Offenbar ja sogar mehr, als die Leute, in anderen Regionen, in ihren stickigen Sitzungssälen. Was meinen Sie, wie viele politische Entscheidungen beim Bier gefällt wurden – und das waren nicht die schlechtesten.

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