Arrow
Arrow
ArrowArrow
Slider
His life his work

Avec Louis II dans les montagnes…

Zum Kini ins Gebirg‘

Mit Peter Gauweiler auf Schloss Schachen:

Gedanken über deutsche Politik und eine Dreyfus-artige Sauerei.

Ludwigs Lieblingsplatz: Der Belvedere auf dem Teufelsgaß. Was macht Gauweiler? Ein Selbstporträt. (Foto: Dieter Mayr)

Ludwigs Lieblingsplatz: Der Belvedere auf dem Teufelsgaß. Was macht Gauweiler? Ein Selbstporträt. (Foto: Dieter Mayr)

 

Es ist einer dieser frischen sonnigen Bayerntage, an denen man denkt, so und nicht anders muss die Welt gedacht sein. Die grauen Zacken der Berggiganten wachsen in einen hellblauen Himmel, da und dort ziehen ein paar Wolkenschlieren vorbei, sonst nichts als saftgrüne Wiesen.

Der Jeep springt und holpert über Wurzeln, Steine und Geröll, quält sich eine Haarnadelkurve nach der anderen hoch. Peter Gauweiler zeigt sich unbeeindruckt. „Mir sind ja mit dem Franz Josef Strauß einmal pro Jahr über die Alpen. Das war die große Alpenüberquerung. Wo andere sechs Stunden brauchen, haben wir uns acht Tage g’nommen. Das waren wilde Touren.“

Von Schloss Elmau ist der Weg zur Schachenalpe zehn Kilometer lang, eine drei, vier Stunden dauernde Wanderung, immer bergauf. Ein jeder anständige Bayer ist hier mindestens einmal im Leben hochgepilgert, hat seinen Fuß ins Bergschloss Schachen gesetzt und anschließend eine Maß auf den Märchenkönig gehoben.

Denn nirgendwo kommt man Ludwig II. (1845 – 1886), dem unverstandenen Wittelsbacher, so nah wie dort droben, 1866 Meter über dem Meeresspiegel. In keinem seiner Schlösser, ob Linderhof, Herrenchiemsee oder Neuschwanstein, schaut man dem Ludwig so tief ins Herz.

Gauweiler: Politiker, Anwalt und Königstreuer

So verwundert nicht, dass Peter Gauweiler zutiefst bedauerte, niemals dorthin gewandert zu sein. Im Herbst vergangenen Jahres saßen wir in seiner Kanzlei am Münchener Promenadeplatz, und wie immer wirkte er im Auftritt leise, fast scheu, die Kleidung rustikal gediegen, das Tweedjackett ein ganz klein wenig abgewetzt, so wie es die arrivierten Männer zwischen Isar und Themse lieben. „Schlechte Chancen, das nachzuholen“, seufzte er. Beim Skilaufen habe er sich die Kreuzbänder gerissen. „Des wird schwer.“

Welch’ Schmerz für einen Königstreuen! Gauweiler tritt ja in vielen Rollen auf. Als Politiker, der sich aller Parteidisziplin verweigert und deshalb Anfang 2015 Bundestagsmandat und CSU-Vizevorsitz niederlegte; als erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, der, zäh wie ein Terrier, den Kampf mit großen Tieren wie der Deutschen Bank bestand. Und als Publizist, der, über Parteigrenzen hinweg, keine Auseinandersetzung scheut.

Aber in keiner Rolle wirkt er so überzeugend, so persönlich betroffen, wie als Verteidiger des bayerischen Königs: Über Jahrzehnte hat er Recherchen betrieben, Reden gehalten, Schriften verfasst. „Wie der Kini Freiheit und Krone verlor.“

Gauweiler, der Anwalt, kämpft um die Ehre des Königs aus dem 19. Jahrhundert, als wäre er sein Mandant. Und er glaubt, beweisen zu können, dass bei dessen Entmündigung und Inhaftierung offen und gezielt damals geltendes Recht gebrochen wurde. Ein Gerichtsverfahren sei dem des Wahnsinns Beschuldigten nie zugestanden, ein Rechtsbeistand nie zugebilligt worden.

Zum Gipfel im Jeep

Die Gutachter hätten ohne Untersuchung, ohne Befragung der Ärzte geurteilt: „Per Ferndiagnose!“ Gauweilers Stimme, sonst eher ruhig und bedächtig, bekommt einen überraschend hohen, gepressten Klang. „Das war ein Staatsstreich! Eine Dreyfus-artige Sauerei.“

In der Regel erfolge die Vertreibung des Staatsoberhaupts mit Unterstützung des Militärs. Im Bayern des Jahres 1886 sei dies geschehen „mithilfe von Irrenwärtern und Psychiatern“. Eine Gauweiler’sche These, der sich auch der Ludwig-Biograf und Psychiater Heinz Häfner angeschlossen hat.

Der König, „hochbegabt, voll Fantasie und Ideen, war ja nicht der verrückte Dilettant auf dem Thron, als den man ihn lange beschrieb“.

Wie schade, bedauerte Gauweiler, dass er nun ausgerechnet Schachen niemals kennenlerne, den Ort, an dem Ludwig angeblich seine glücklichsten Geburtstage (zwischen 1872 und 1885) verbrachte. Doch Wunder gibt es immer wieder, auch und gerade im katholisch-barocken Bayern, da muss man nicht mal nach Altötting.

Dieses Mal trat das Wunder in Gestalt von Hans Lory auf, einem bayerischen Mittelständler aus der Elektrobranche. Der Murnauer betreibt unter seinen vielen Aufgaben eine besonders ehrenvolle: Er wartet im Auftrag der Bayerischen Schlösserverwaltung das Stromaggregat am Schachenschloss. Und darf deshalb zwei-, dreimal im Jahr mit einem Geländewagen den für Fahrzeuge sonst gesperrten Bergweg von Elmau bis zur Schachenalpe fahren – viel mehr kann man in Bayern nicht erreichen.

Den „schwarzen Peter“? Hat er „oiwei mögn“, weil „da a Meinung hod und oiwei sogt, wos a denkt“. Die Transportfrage war somit geklärt. „Am besdn kimmd ihr, wenn da Oipengardn blüht.“

Grenzen, die zwar trennen aber schützen

Es ist noch früh am Morgen. Viel geregnet hat es die vergangenen Wochen. Und so wuchern am Wegesrand Bergdost und Butterblume, Storchenschnabel und Hahnenfuß. Doch plötzlich fällt so etwas wie ein Schatten auf die sommersatte Landschaft.

Wir passieren eine ehemalige Grenzerhütte. Und Gauweiler, neben Lory auf dem Vordersitz, brummelt, die bayerische Grenzpolizei habe man hier erst wegen Schengen aufgelöst. Und die Überwachung an die Außengrenzen verlegt.

„Jetzt zeigt es sich deutlich, dass es halt net geht.“ Und nach einer Pause: „Der kennt seine Grenzen nicht …! Kennen Sie den Begriff? Das ist kein Kompliment, das ist ein Tadel!“ Grenzen könnten trennen, aber auch schützen. „Wir aber überlassen den Schutz unserer Grenzen dem türkischen Präsidenten Erdogan.“

Auf der Rückbank sitzt Gauweilers Ehefrau Eva (54); sie hat in den 26 Jahren ihrer Ehe vier gemeinsame Kinder aufgezogen, heute zwischen 17 und 25 Jahre alt. Sind die nicht in eine offene Schengen-Welt hineingewachsen, ohne Pässe, ohne Kontrollen?

„Die fahren gern in die USA, da wirst hundertmal kontrolliert“, sagt Gauweiler. „Wo ist das Problem?“ Und setzt hinzu: „Früher, in Italien, da war doch das erste Urlaubsvergnügen: unser Geld in Lire wechseln!“

Höllensturz im Jahr 1994

Da muss sogar Eva lachen. Diese Frau, überraschend jung und sportlich, stand und steht unerschütterlich an der Seite ihres Mannes, auch bei dessen Höllensturz im Jahr 1994.

Als Stoiber, vor der bayerischen Landtagswahl, den Puristen in sich entdeckte und seinen Umweltminister zum Rücktritt drängte, weil der den Mandantenstamm seiner früheren Kanzlei gewinnbringend verpachtet hatte.

Auf dem Höhepunkt dieser sogenannten Kanzlei-Affäre erlitt Gauweiler während eines Auftritts einen Schwächeanfall: „Do hod’s mi oafach zuasammengehaun.“ Doch Gauweiler hat Niederlagen immer für sich genutzt.

Damals beschloss er, „ich lass mir nichts mehr gefallen. Auch nicht von mir selbst und meinem gottverdammten Ehrgeiz“. Und begann, Journalisten eine Eugen Roth’sche Lebensweisheit ins Notizbuch zu diktieren. „Ein Mensch schaut auf die Zeit zurück und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“

Hätte er als Minister Zeit gehabt, eine solch kinderreiche Familie aufzubauen? Und am Starnberger See, in der Gemeinde Berg, wo sonst, ein so sympathisch-offenes, großzügig-lässiges Haus zu führen?

Der Gipfel rückt näher

Der Fahrweg wird schmaler, windet sich. Manchmal schimmert hoch oben, am Fuß der Dreitorspitze, schon das kleine Berghaus durch die Baumreihen. Dramatisch thront es auf seinem Hügel. Dieses Jagdschlösschen, das nie eines war, weil sein Bauherr, Ludwig II. – seinem Bewunderer Gauweiler da nicht unähnlich – die Jagd und das Kriegshandwerk verabscheute.

„,Armeen müssen Kriegsverbotsschulen sein‘, dieser Satz stammt von Strauß“, sagt Gauweiler, der Mann, der 2003 öffentlich gegen den Irakkrieg von George W. Bush Protest erhob und sogar, mit päpstlicher Unterstützung, nach Bagdad reiste.

In den vergangenen 20 Jahren habe ihn wenig „so angefasst“ wie dieser Krieg und seine verheerenden Folgen, auch für das Verhältnis der Religionen. Der Oberbayer gehört der evangelisch-lutherischen Kirche an. Ein Protestant, Papsttreu bis auf die Knochen. „Meine Kirchenväter sind Martin Luther und Joseph Ratzinger – da bin ich zu Hause.“

Hier stehe ich und kann nicht anders: Das ist Gauweiler, wie er leibt und lebt.

Alpine Genügsamkeit?

Dann sind wir am Schachenschloss. Ein seltsames Bauwerk, honigfarben und kulissenhaft leicht, irgendetwas zwischen Berghütte, Schweizer Chalet und Bayreuther Festspielhaus. Seit 1872 hält seine filigrane Holzfassade allen Winterstürmen stand.

Ludwig, der Verschwender, Verfechter neofeudaler Prachtentfaltung, zelebrierte in seinen Berghütten alpine Genügsamkeit. Fürs Schachenschloss wünschte er sich viel Zirbelholz, weiß-blau karierte Wollteppiche, einfache Möbel für Schlafzimmer, Arbeits- und Speiseraum.

Doch dann steigen wir die Wendeltreppe in den ersten Stock hinauf und trauen unseren Augen nicht. Eine orientalische Märchenwelt breitet sich da aus. Ein osmanischer Palast von zauberhafter Pracht: Der „Türkische Saal“ mit kostbaren Kelims, türkischen Diwans, kleinen Tischen mit vergoldeten Stühlen, üppigen Pfauenfedern und Kandelabern, die Decke ein goldener Sternenhimmel auf blauem Grund.

Nur Dämmerlicht fällt durch die bunten Glasfenster in den Raum, es ist eher ein magischer Farbrausch aus goldenen, blauen und roten Punkten. Gauweiler schaut und schweigt.

Später sitzen wir im Belvedere auf dem Teufelsgsaß, mit Blick ins Reintal und auf die Felszacken des Zugspitzmassivs. Stunde um Stunde hat der König, fasziniert vom Spiel der Wolken, hier lesend verbracht.

Ein König als Regisseur

„Der Ludwig“, sagt er schließlich, „der hat ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Leute wie Walt Disney haben das früh erkannt. Und es entdeckt jetzt die kritische Wissenschaft: den Ludwig als Konstrukteur von Medienräumen der vollkommenen Illusion.“

Ein König als Regisseur. Märchentrunken, musikbesessen, der die Wirklichkeit flieht und sich Gegenwelten erschafft. Auch auf der Schachenalpe hat er in Szenen gedacht: Während er, im türkischen Gewand, in seinen Büchern las und Süßigkeiten naschte, lagen seine Diener, in Kaftans und Djellabas gehüllt, hingegossen auf Teppichen und Kissen, Wasserpfeife rauchend und Mokka schlürfend. Dazu plätscherte der Springbrunnen in der Mitte des Saals, dufteten Räucherpfannen und wurden Pfauenfächer geschwenkt. Was für ein Theater!

Und war er des Schauspiels überdrüssig – zappte er! Wie wir heute am Fernsehschirm. Er musste nur ein paar Schritte aus der Schwüle des Räucherdunstes treten, eine goldene Tür an der Stirnseite öffnen, schon stand er auf dem Balkon.

Und sah rundum nichts als die Weite des Himmels und die klare bayerische Bergwelt in all ihrer Pracht. „Diese inszenierte Nähe von Bayern und dem Orient“, sagt Gauweiler. „Das ist genial!“

Im Schachenhaus gibt es Kaffee aus Haferln, Rührei mit Schinkenspeck. Gauweiler mit Hut, weißem Schnurrbart, kariertem Hemd sieht wie der Hüttenwirt aus. Aber „krachert“, wie die Bayern sagen, ist er nie.

Ludwigs Tod

Der katholisch-barocke Strauß liebte es mächtig-deftig und langte bis zuletzt kräftig zu. Gauweiler ist Genussmensch, aber schätzt die verfeinerte bayerische Esskultur, leicht und frisch, und achtet auf die Linie.

Seine Geschichten sind umso schwerere Kost. Die letzten Tage des Bayernkönigs – ein Drama flammt da auf von Shakespeare’scher Kraft, ein tragischer Kampf um Geld und Macht. Gauweiler kennt so viele Details, dass man noch Tage mit ihm im Gebirg’ verbringen müsste, um all die Abgründe, die sich auftun, gründlich auszuleuchten.

Ludwigs Tod? Gauweiler schiebt seinen Teller zur Seite: „Die offizielle Version kann nicht stimmen.“

Spannung habe damals über der Gemeinde Berg gelegen. Der König ist gefangen! Überall Gendarmen, am Ufer, in fast jedem Haus. „Da kämpfen also zwei Männer im See – geräuschlos? Am Ende sind beide ertrunken. Und keiner hat was gehört?“

Jetzt beugt er sich vor: Es habe ja sogar einen Stacheldraht-Verhau gegeben, bei Schloss Berg, im See. „Da haben sie Eisenstangen in den Grund gerammt, mit Stacheldraht dazwischen, gegen den König, der war ja ein guter Schwimmer“, er sagt es voller Grimm, „so Guantanamo-Bay-mäßig.“

Europa als Haus mit vielen Wohnungen

Rebell, Grantler, Denker, Polemiker, Philosoph … Gauweiler hat man schon viele Etiketten aufgeklebt. Wir haben ihn immer auch für einen Romantiker gehalten. Ob er nun seine Berufswahl erläuterte (er hatte in „Zeugin der Anklage“ Charles Laughton als Strafverteidiger von Marlene Dietrich gesehen, so einer wollte er sein) oder mit einem Friedrich-Dürrenmatt-Zitat die Welt erklärte: Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.

Der Sehnsuchts-Schweizer liebt das Kleinteilige, Überschaubare. Und auf dem Rückweg – wir jausen auf halber Strecke in der Wetterstein-Hütte – singt er noch einmal das hohe Lied der Regionalität. „Schengen war – wie der Euro – der berühmte Schritt zu viel.“

Die Stabilitätskriterien seien erkennbar nicht einzuhalten. „Das ist alles zu groß. Zu grenzenlos. Europa ist keine Bahnhofshalle, sondern ein Haus mit vielen Wohnungen.“ Der Kaiserschmarrn auf den Tellern duftet verführerisch.

„Oder, wie Franz Josef Strauß gelegentlich sagte: ,Ist die Jacke einmal falsch eingeknöpft, bekommt man sie nicht mehr gerade zu.‘ Falsch eingeknöpft wurde 1992 in Maastricht.“ Den Engländern hat er folgerichtig zum Brexit gratuliert. „Endlich weg vom Monströsen, Konturlosen, Amorphen der EU.“

Da spricht wieder der Romantiker. Der nicht wahrhaben will, dass diese Art von Befreiung nur in andere, noch kompliziertere wirtschaftliche Abhängigkeiten führt.

Für ein freies Bayern?

Auf uns tappen jetzt Hühner mit dicken Federfüßen zu, die Zwerghühner von der Wetterstein-Alm. Sein Misstrauen gegen Berlin sitzt tief. Als Bundestagsabgeordneter hat er nicht mal eine Wohnung genommen, nur im Hotel gewohnt.

Die Hauptstadt, das ganze Preußen, ist ihm fremd und fern geblieben – auch da ganz einig mit dem bewunderten Ludwig. Also für ein freies Bayern?„Wenn ich ganz ehrlich bin … und wo Sie hier fragen auf über tausend Metern Höhe …“

Er lacht: „Bayern kann es besser, wo es unabhängig von Berlin agiert. Eingebunden gern in einen deutschen und europäischen Staatenbund. Aber bitte selbstverantwortlich.“ Und, zunehmend begeistert: „Es kann immer noch ein gemeinsames Staatsoberhaupt geben. Aber steuerliche Dezentralität, kulturelle Unterschiedlichkeit …“

Und keinen Finanzausgleich? Er antwortet sofort: „Den immer! Es kann einem nur gut gehen, wenn es dem Nachbarn nicht schlecht geht. Aber nicht so eine abgepresste Großzügigkeit. Die einem aufgezwungen wird von einem fernen Zentralkomitee.“

Und dann hoppeln und ruckeln wir mit dem Jeep weiter zu Tale. Schrill gekleidete Mountainbiker kommen uns keuchend entgegen und Gruppen heiter grüßender Wanderer. Im Sommer bekommt der Ludwig auch am Schachen viel Besuch.

Und dieses freie Bayern, soll das denn wieder ein Königreich sein, fragen wir Gauweiler, bevor wir wieder gänzlich in die bayerischen Niederungen herabsinken. „Also, das“, antwortet er kaum überrascht, „lassen wir jetzt einfach mal offen.“

Dieser Artikel stammt aus der September-Ausgabe der BILANZ.

Source : https://www.bilanz.de/redaktion/zum-kini-ins-gebirg