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Sa vie son oeuvre

Archives mensuelles : novembre 2016

Avec Louis II dans les montagnes…

Zum Kini ins Gebirg‘

Mit Peter Gauweiler auf Schloss Schachen:

Gedanken über deutsche Politik und eine Dreyfus-artige Sauerei.

Ludwigs Lieblingsplatz: Der Belvedere auf dem Teufelsgaß. Was macht Gauweiler? Ein Selbstporträt. (Foto: Dieter Mayr)

Ludwigs Lieblingsplatz: Der Belvedere auf dem Teufelsgaß. Was macht Gauweiler? Ein Selbstporträt. (Foto: Dieter Mayr)

 

Es ist einer dieser frischen sonnigen Bayerntage, an denen man denkt, so und nicht anders muss die Welt gedacht sein. Die grauen Zacken der Berggiganten wachsen in einen hellblauen Himmel, da und dort ziehen ein paar Wolkenschlieren vorbei, sonst nichts als saftgrüne Wiesen.

Der Jeep springt und holpert über Wurzeln, Steine und Geröll, quält sich eine Haarnadelkurve nach der anderen hoch. Peter Gauweiler zeigt sich unbeeindruckt. „Mir sind ja mit dem Franz Josef Strauß einmal pro Jahr über die Alpen. Das war die große Alpenüberquerung. Wo andere sechs Stunden brauchen, haben wir uns acht Tage g’nommen. Das waren wilde Touren.“

Von Schloss Elmau ist der Weg zur Schachenalpe zehn Kilometer lang, eine drei, vier Stunden dauernde Wanderung, immer bergauf. Ein jeder anständige Bayer ist hier mindestens einmal im Leben hochgepilgert, hat seinen Fuß ins Bergschloss Schachen gesetzt und anschließend eine Maß auf den Märchenkönig gehoben.

Denn nirgendwo kommt man Ludwig II. (1845 – 1886), dem unverstandenen Wittelsbacher, so nah wie dort droben, 1866 Meter über dem Meeresspiegel. In keinem seiner Schlösser, ob Linderhof, Herrenchiemsee oder Neuschwanstein, schaut man dem Ludwig so tief ins Herz.

Gauweiler: Politiker, Anwalt und Königstreuer

So verwundert nicht, dass Peter Gauweiler zutiefst bedauerte, niemals dorthin gewandert zu sein. Im Herbst vergangenen Jahres saßen wir in seiner Kanzlei am Münchener Promenadeplatz, und wie immer wirkte er im Auftritt leise, fast scheu, die Kleidung rustikal gediegen, das Tweedjackett ein ganz klein wenig abgewetzt, so wie es die arrivierten Männer zwischen Isar und Themse lieben. „Schlechte Chancen, das nachzuholen“, seufzte er. Beim Skilaufen habe er sich die Kreuzbänder gerissen. „Des wird schwer.“

Welch’ Schmerz für einen Königstreuen! Gauweiler tritt ja in vielen Rollen auf. Als Politiker, der sich aller Parteidisziplin verweigert und deshalb Anfang 2015 Bundestagsmandat und CSU-Vizevorsitz niederlegte; als erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, der, zäh wie ein Terrier, den Kampf mit großen Tieren wie der Deutschen Bank bestand. Und als Publizist, der, über Parteigrenzen hinweg, keine Auseinandersetzung scheut.

Aber in keiner Rolle wirkt er so überzeugend, so persönlich betroffen, wie als Verteidiger des bayerischen Königs: Über Jahrzehnte hat er Recherchen betrieben, Reden gehalten, Schriften verfasst. „Wie der Kini Freiheit und Krone verlor.“

Gauweiler, der Anwalt, kämpft um die Ehre des Königs aus dem 19. Jahrhundert, als wäre er sein Mandant. Und er glaubt, beweisen zu können, dass bei dessen Entmündigung und Inhaftierung offen und gezielt damals geltendes Recht gebrochen wurde. Ein Gerichtsverfahren sei dem des Wahnsinns Beschuldigten nie zugestanden, ein Rechtsbeistand nie zugebilligt worden.

Zum Gipfel im Jeep

Die Gutachter hätten ohne Untersuchung, ohne Befragung der Ärzte geurteilt: „Per Ferndiagnose!“ Gauweilers Stimme, sonst eher ruhig und bedächtig, bekommt einen überraschend hohen, gepressten Klang. „Das war ein Staatsstreich! Eine Dreyfus-artige Sauerei.“

In der Regel erfolge die Vertreibung des Staatsoberhaupts mit Unterstützung des Militärs. Im Bayern des Jahres 1886 sei dies geschehen „mithilfe von Irrenwärtern und Psychiatern“. Eine Gauweiler’sche These, der sich auch der Ludwig-Biograf und Psychiater Heinz Häfner angeschlossen hat.

Der König, „hochbegabt, voll Fantasie und Ideen, war ja nicht der verrückte Dilettant auf dem Thron, als den man ihn lange beschrieb“.

Wie schade, bedauerte Gauweiler, dass er nun ausgerechnet Schachen niemals kennenlerne, den Ort, an dem Ludwig angeblich seine glücklichsten Geburtstage (zwischen 1872 und 1885) verbrachte. Doch Wunder gibt es immer wieder, auch und gerade im katholisch-barocken Bayern, da muss man nicht mal nach Altötting.

Dieses Mal trat das Wunder in Gestalt von Hans Lory auf, einem bayerischen Mittelständler aus der Elektrobranche. Der Murnauer betreibt unter seinen vielen Aufgaben eine besonders ehrenvolle: Er wartet im Auftrag der Bayerischen Schlösserverwaltung das Stromaggregat am Schachenschloss. Und darf deshalb zwei-, dreimal im Jahr mit einem Geländewagen den für Fahrzeuge sonst gesperrten Bergweg von Elmau bis zur Schachenalpe fahren – viel mehr kann man in Bayern nicht erreichen.

Den „schwarzen Peter“? Hat er „oiwei mögn“, weil „da a Meinung hod und oiwei sogt, wos a denkt“. Die Transportfrage war somit geklärt. „Am besdn kimmd ihr, wenn da Oipengardn blüht.“

Grenzen, die zwar trennen aber schützen

Es ist noch früh am Morgen. Viel geregnet hat es die vergangenen Wochen. Und so wuchern am Wegesrand Bergdost und Butterblume, Storchenschnabel und Hahnenfuß. Doch plötzlich fällt so etwas wie ein Schatten auf die sommersatte Landschaft.

Wir passieren eine ehemalige Grenzerhütte. Und Gauweiler, neben Lory auf dem Vordersitz, brummelt, die bayerische Grenzpolizei habe man hier erst wegen Schengen aufgelöst. Und die Überwachung an die Außengrenzen verlegt.

„Jetzt zeigt es sich deutlich, dass es halt net geht.“ Und nach einer Pause: „Der kennt seine Grenzen nicht …! Kennen Sie den Begriff? Das ist kein Kompliment, das ist ein Tadel!“ Grenzen könnten trennen, aber auch schützen. „Wir aber überlassen den Schutz unserer Grenzen dem türkischen Präsidenten Erdogan.“

Auf der Rückbank sitzt Gauweilers Ehefrau Eva (54); sie hat in den 26 Jahren ihrer Ehe vier gemeinsame Kinder aufgezogen, heute zwischen 17 und 25 Jahre alt. Sind die nicht in eine offene Schengen-Welt hineingewachsen, ohne Pässe, ohne Kontrollen?

„Die fahren gern in die USA, da wirst hundertmal kontrolliert“, sagt Gauweiler. „Wo ist das Problem?“ Und setzt hinzu: „Früher, in Italien, da war doch das erste Urlaubsvergnügen: unser Geld in Lire wechseln!“

Höllensturz im Jahr 1994

Da muss sogar Eva lachen. Diese Frau, überraschend jung und sportlich, stand und steht unerschütterlich an der Seite ihres Mannes, auch bei dessen Höllensturz im Jahr 1994.

Als Stoiber, vor der bayerischen Landtagswahl, den Puristen in sich entdeckte und seinen Umweltminister zum Rücktritt drängte, weil der den Mandantenstamm seiner früheren Kanzlei gewinnbringend verpachtet hatte.

Auf dem Höhepunkt dieser sogenannten Kanzlei-Affäre erlitt Gauweiler während eines Auftritts einen Schwächeanfall: „Do hod’s mi oafach zuasammengehaun.“ Doch Gauweiler hat Niederlagen immer für sich genutzt.

Damals beschloss er, „ich lass mir nichts mehr gefallen. Auch nicht von mir selbst und meinem gottverdammten Ehrgeiz“. Und begann, Journalisten eine Eugen Roth’sche Lebensweisheit ins Notizbuch zu diktieren. „Ein Mensch schaut auf die Zeit zurück und sieht: Sein Unglück war sein Glück.“

Hätte er als Minister Zeit gehabt, eine solch kinderreiche Familie aufzubauen? Und am Starnberger See, in der Gemeinde Berg, wo sonst, ein so sympathisch-offenes, großzügig-lässiges Haus zu führen?

Der Gipfel rückt näher

Der Fahrweg wird schmaler, windet sich. Manchmal schimmert hoch oben, am Fuß der Dreitorspitze, schon das kleine Berghaus durch die Baumreihen. Dramatisch thront es auf seinem Hügel. Dieses Jagdschlösschen, das nie eines war, weil sein Bauherr, Ludwig II. – seinem Bewunderer Gauweiler da nicht unähnlich – die Jagd und das Kriegshandwerk verabscheute.

„,Armeen müssen Kriegsverbotsschulen sein‘, dieser Satz stammt von Strauß“, sagt Gauweiler, der Mann, der 2003 öffentlich gegen den Irakkrieg von George W. Bush Protest erhob und sogar, mit päpstlicher Unterstützung, nach Bagdad reiste.

In den vergangenen 20 Jahren habe ihn wenig „so angefasst“ wie dieser Krieg und seine verheerenden Folgen, auch für das Verhältnis der Religionen. Der Oberbayer gehört der evangelisch-lutherischen Kirche an. Ein Protestant, Papsttreu bis auf die Knochen. „Meine Kirchenväter sind Martin Luther und Joseph Ratzinger – da bin ich zu Hause.“

Hier stehe ich und kann nicht anders: Das ist Gauweiler, wie er leibt und lebt.

Alpine Genügsamkeit?

Dann sind wir am Schachenschloss. Ein seltsames Bauwerk, honigfarben und kulissenhaft leicht, irgendetwas zwischen Berghütte, Schweizer Chalet und Bayreuther Festspielhaus. Seit 1872 hält seine filigrane Holzfassade allen Winterstürmen stand.

Ludwig, der Verschwender, Verfechter neofeudaler Prachtentfaltung, zelebrierte in seinen Berghütten alpine Genügsamkeit. Fürs Schachenschloss wünschte er sich viel Zirbelholz, weiß-blau karierte Wollteppiche, einfache Möbel für Schlafzimmer, Arbeits- und Speiseraum.

Doch dann steigen wir die Wendeltreppe in den ersten Stock hinauf und trauen unseren Augen nicht. Eine orientalische Märchenwelt breitet sich da aus. Ein osmanischer Palast von zauberhafter Pracht: Der „Türkische Saal“ mit kostbaren Kelims, türkischen Diwans, kleinen Tischen mit vergoldeten Stühlen, üppigen Pfauenfedern und Kandelabern, die Decke ein goldener Sternenhimmel auf blauem Grund.

Nur Dämmerlicht fällt durch die bunten Glasfenster in den Raum, es ist eher ein magischer Farbrausch aus goldenen, blauen und roten Punkten. Gauweiler schaut und schweigt.

Später sitzen wir im Belvedere auf dem Teufelsgsaß, mit Blick ins Reintal und auf die Felszacken des Zugspitzmassivs. Stunde um Stunde hat der König, fasziniert vom Spiel der Wolken, hier lesend verbracht.

Ein König als Regisseur

„Der Ludwig“, sagt er schließlich, „der hat ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Leute wie Walt Disney haben das früh erkannt. Und es entdeckt jetzt die kritische Wissenschaft: den Ludwig als Konstrukteur von Medienräumen der vollkommenen Illusion.“

Ein König als Regisseur. Märchentrunken, musikbesessen, der die Wirklichkeit flieht und sich Gegenwelten erschafft. Auch auf der Schachenalpe hat er in Szenen gedacht: Während er, im türkischen Gewand, in seinen Büchern las und Süßigkeiten naschte, lagen seine Diener, in Kaftans und Djellabas gehüllt, hingegossen auf Teppichen und Kissen, Wasserpfeife rauchend und Mokka schlürfend. Dazu plätscherte der Springbrunnen in der Mitte des Saals, dufteten Räucherpfannen und wurden Pfauenfächer geschwenkt. Was für ein Theater!

Und war er des Schauspiels überdrüssig – zappte er! Wie wir heute am Fernsehschirm. Er musste nur ein paar Schritte aus der Schwüle des Räucherdunstes treten, eine goldene Tür an der Stirnseite öffnen, schon stand er auf dem Balkon.

Und sah rundum nichts als die Weite des Himmels und die klare bayerische Bergwelt in all ihrer Pracht. „Diese inszenierte Nähe von Bayern und dem Orient“, sagt Gauweiler. „Das ist genial!“

Im Schachenhaus gibt es Kaffee aus Haferln, Rührei mit Schinkenspeck. Gauweiler mit Hut, weißem Schnurrbart, kariertem Hemd sieht wie der Hüttenwirt aus. Aber „krachert“, wie die Bayern sagen, ist er nie.

Ludwigs Tod

Der katholisch-barocke Strauß liebte es mächtig-deftig und langte bis zuletzt kräftig zu. Gauweiler ist Genussmensch, aber schätzt die verfeinerte bayerische Esskultur, leicht und frisch, und achtet auf die Linie.

Seine Geschichten sind umso schwerere Kost. Die letzten Tage des Bayernkönigs – ein Drama flammt da auf von Shakespeare’scher Kraft, ein tragischer Kampf um Geld und Macht. Gauweiler kennt so viele Details, dass man noch Tage mit ihm im Gebirg’ verbringen müsste, um all die Abgründe, die sich auftun, gründlich auszuleuchten.

Ludwigs Tod? Gauweiler schiebt seinen Teller zur Seite: „Die offizielle Version kann nicht stimmen.“

Spannung habe damals über der Gemeinde Berg gelegen. Der König ist gefangen! Überall Gendarmen, am Ufer, in fast jedem Haus. „Da kämpfen also zwei Männer im See – geräuschlos? Am Ende sind beide ertrunken. Und keiner hat was gehört?“

Jetzt beugt er sich vor: Es habe ja sogar einen Stacheldraht-Verhau gegeben, bei Schloss Berg, im See. „Da haben sie Eisenstangen in den Grund gerammt, mit Stacheldraht dazwischen, gegen den König, der war ja ein guter Schwimmer“, er sagt es voller Grimm, „so Guantanamo-Bay-mäßig.“

Europa als Haus mit vielen Wohnungen

Rebell, Grantler, Denker, Polemiker, Philosoph … Gauweiler hat man schon viele Etiketten aufgeklebt. Wir haben ihn immer auch für einen Romantiker gehalten. Ob er nun seine Berufswahl erläuterte (er hatte in „Zeugin der Anklage“ Charles Laughton als Strafverteidiger von Marlene Dietrich gesehen, so einer wollte er sein) oder mit einem Friedrich-Dürrenmatt-Zitat die Welt erklärte: Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.

Der Sehnsuchts-Schweizer liebt das Kleinteilige, Überschaubare. Und auf dem Rückweg – wir jausen auf halber Strecke in der Wetterstein-Hütte – singt er noch einmal das hohe Lied der Regionalität. „Schengen war – wie der Euro – der berühmte Schritt zu viel.“

Die Stabilitätskriterien seien erkennbar nicht einzuhalten. „Das ist alles zu groß. Zu grenzenlos. Europa ist keine Bahnhofshalle, sondern ein Haus mit vielen Wohnungen.“ Der Kaiserschmarrn auf den Tellern duftet verführerisch.

„Oder, wie Franz Josef Strauß gelegentlich sagte: ,Ist die Jacke einmal falsch eingeknöpft, bekommt man sie nicht mehr gerade zu.‘ Falsch eingeknöpft wurde 1992 in Maastricht.“ Den Engländern hat er folgerichtig zum Brexit gratuliert. „Endlich weg vom Monströsen, Konturlosen, Amorphen der EU.“

Da spricht wieder der Romantiker. Der nicht wahrhaben will, dass diese Art von Befreiung nur in andere, noch kompliziertere wirtschaftliche Abhängigkeiten führt.

Für ein freies Bayern?

Auf uns tappen jetzt Hühner mit dicken Federfüßen zu, die Zwerghühner von der Wetterstein-Alm. Sein Misstrauen gegen Berlin sitzt tief. Als Bundestagsabgeordneter hat er nicht mal eine Wohnung genommen, nur im Hotel gewohnt.

Die Hauptstadt, das ganze Preußen, ist ihm fremd und fern geblieben – auch da ganz einig mit dem bewunderten Ludwig. Also für ein freies Bayern?„Wenn ich ganz ehrlich bin … und wo Sie hier fragen auf über tausend Metern Höhe …“

Er lacht: „Bayern kann es besser, wo es unabhängig von Berlin agiert. Eingebunden gern in einen deutschen und europäischen Staatenbund. Aber bitte selbstverantwortlich.“ Und, zunehmend begeistert: „Es kann immer noch ein gemeinsames Staatsoberhaupt geben. Aber steuerliche Dezentralität, kulturelle Unterschiedlichkeit …“

Und keinen Finanzausgleich? Er antwortet sofort: „Den immer! Es kann einem nur gut gehen, wenn es dem Nachbarn nicht schlecht geht. Aber nicht so eine abgepresste Großzügigkeit. Die einem aufgezwungen wird von einem fernen Zentralkomitee.“

Und dann hoppeln und ruckeln wir mit dem Jeep weiter zu Tale. Schrill gekleidete Mountainbiker kommen uns keuchend entgegen und Gruppen heiter grüßender Wanderer. Im Sommer bekommt der Ludwig auch am Schachen viel Besuch.

Und dieses freie Bayern, soll das denn wieder ein Königreich sein, fragen wir Gauweiler, bevor wir wieder gänzlich in die bayerischen Niederungen herabsinken. „Also, das“, antwortet er kaum überrascht, „lassen wir jetzt einfach mal offen.“

Dieser Artikel stammt aus der September-Ausgabe der BILANZ.

Source : https://www.bilanz.de/redaktion/zum-kini-ins-gebirg

Comment est mort Louis II ?

Wie starb der bayerische König?

Chronik der letzten Lebenstage von Ludwig II.

Von Hans Kratzer

Was in den letzten Lebenstagen König Ludwigs II. vor sich ging, zählt gewiss zu den aufwühlendsten Ereignissen der bayerischen Geschichte. Das Drama endete mit dem Tod des Herrschers und seines Psychiaters Dr. Bernhard von Gudden, wobei die Hintergründe nie befriedigend aufgeklärt wurden.

Die Auswertung aller verfügbaren Akten und Berichte hat bislang kein klares Ergebnis gebracht. Das Todesereignis wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, analog zu dem legendären Ausspruch Ludwigs II., den er 1876 an eine Schauspielerin gerichtet hat: „Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen!“

Sicher ist nur, dass Ludwig II. und Gudden am Abend des 13. Juni 1886 leblos im Starnberger See gefunden wurden, der damals noch Würmsee hieß. Was davor geschah, ist nur mithilfe von sich widersprechenden Zeugenaussagen und Theorien zu erklären. Offiziell geht man davon aus, der König sei in suizidaler Absicht ertrunken. Bis heute halten sich aber auch Gerüchte, er sei womöglich ermordet worden.

Franz Herzog von Bayern, der Chef des Hauses Wittelsbach, widerspricht der Mordtheorie aber entschieden: „Ich habe überhaupt keinen Anhaltspunkt dafür, dass er ermordet worden ist.“ Dass sich im Archiv des Hauses Wittelsbach Akten befänden, die den Mord belegten, sei eine „Legende“.

Neue Spekulationen hat nun ein Schreiben genährt, das im vergangenen Sommer an die Öffentlichkeit gelangt ist. Es handelt sich um den letzten Brief, den Ludwig II. verfasst hat, am 10. Juni 1886, drei Tage vor seinem mysteriösen Tod im Starnberger See. Dieser Brief belegt zweifelsfrei, dass der König zu diesem Zeitpunkt die Ankunft einer Staatskommission, die ihm seine Entmündigung mitteilen sollte, klar erkannt hatte.

Der letzte handschriftliche Brief Ludwigs II. vom 10. Juni 1886.
STAATLICHE ARCHIVE BAYERNS
Der letzte handschriftliche Brief Ludwigs II. vom 10. Juni 1886.

Der Inhalt widerlegt damit die von Dr. Gudden und dessen Kollegen vertretene Annahme, Ludwig sei paranoid gewesen.

Umso näher liegt es, die Ereignisse der letzten Tage im Leben Ludwigs II. noch einmal näher zu betrachten.

Donnerstag, 10. Juni

Ludwig II. weilt auf Schloss Neuschwanstein, noch nicht ahnend, was in Kürze auf ihn zukommen wird. Im benachbarten Schloss Hohenschwangau ist um Mitternacht eine Staatskommission eingetroffen, die den König arretieren soll. Ein Kutscher eilt zu ihm und warnt ihn. Ludwig II. reagiert nervös und fordert aus Füssen Gendarmen an. Gegen vier Uhr morgens begibt sich die Staatskommission nach Neuschwanstein, den Brief des Prinzen Luitpold mit sich führend, der den König von der „höchst betrübenden Tatsache“ unterrichten soll, dass er „durch übereinstimmende Gutachten . . . an der weiteren Ausübung der Regierungsrechte behindert“ sei und dass er, Luitpold, „die schmerzliche Pflicht zu erfüllen habe, „provisorisch die Zügel der Regierung“ zu ergreifen.

Die Wache verwehrt der Kommission den Zugang zum Schloss. Wachtmeister Boppeler rät Ludwig zur Flucht nach Tirol. Ludwig lehnt dies ab. Immer mehr Menschen finden sich im Schloss ein, die Stimmung ist angespannt, die Kommission zieht sich wieder nach Hohenschwangau zurück.

Der damalige bayerische Außenminister Friedrich Krafft von Crailsheim telegrafiert um 5.30 Uhr an den Ministerpräsidenten Freiherrn von Lutz und berichtet ihm von der gescheiterten Inverwahrnahme des Königs. Ludwig unterzeichnet einen Haftbefehl gegen die Mitglieder der Kommission. Kurz danach wird Crailsheim zusammen mit anderen Mitgliedern der Staatskommission verhaftet.

Die Situation ist prekär, es geht um Hochverrat, es drohen Unruhen. Am Morgen wird die Regentschaftsproklamation von Luitpold veröffentlicht und per Telegramm in allen bayerischen Städten verteilt. Der Schriftsteller Frank Wedekind notiert in einem Brief: „Man erwartete allgemein, der König werde seinen Wächtern entfliehen und nach München kommen, wo er jedenfalls mit lautem Jubel empfangen worden wäre . . .“

Die Nachricht von der Übernahme der Regentschaft durch Prinz Luitpold verschärft im Land eine feindselige Stimmung gegen Luitpold und sein Ministerium. Minister von Crailsheim befiehlt dem Telegrafisten Brummer, alle Depeschen und Telegramme des Königs nach München umzuleiten und keine Nachrichten mehr an ihn weiterzuleiten. Brummer ist verunsichert, aber Ludwig II. ist damit zunächst von allen Informationswegen abgeschnitten.

Mittags trifft die Regentschaftserklärung in Hohenschwangau ein. Nach einigen Stunden Gefangenschaft wird die Kommission freigelassen, ohne Wissen des Königs. Die Kommission kehrt nach dem peinlichen Fehlschlag betroffen nach München zurück. Der dem König treu ergebene Graf Dürckheim weilt beim König. Der fragt: „Was beabsichtigt man mit mir? Man kann mich doch nicht als einen Wahnsinnigen behandeln.“ Dürckheim schlägt vor, sofort nach München zu fahren und sich dem Volk zu zeigen.

Ludwig lehnt es ab. Auch eine Flucht nach Tirol kommt für ihn nicht in Frage. Er wirkt wie gelähmt, zu keinem Entschluss mehr fähig. Er schreibt den denkwürdigen Brief an seinen Cousin, Prinz Ludwig Ferdinand: „Denke Dir was Unerhörtes heute geschehen ist! Diese Nacht kam eilends einer vom Stallgebäude herauf u. meldete, es wären mehrere Menschen (darunter horribile dictu) ein Minister und eine meiner Hofchargen in aller Stille angekommen, . . . u. wollten mich zwingen nach Linderhof zu fahren, offenbar u. mich dort gefangen zu halten u. . . . Abdankung zu ertrotzen, kurz eine schändliche Verschwörung!“

Weil seine Kommunikationswege abgeschnitten sind, sendet er über das österreichische Reutte Telegramme, unter anderem an Bismarck. Dessen Rat, er möge sofort nach München fahren und sich zeigen, erreicht ihn vermutlich nicht mehr.

23 Uhr, Krisensitzung in München. Der Ministerrat beschließt, Ludwig nicht mehr nach Linderhof zu bringen, sondern nach Schloss Berg am Würmsee.

Der in Hohenschwangau diensthabende Telegrafist Brummer ist telegrafisch über die Regentschaft informiert und hat den Befehl, alle Depeschen an König Ludwig nun Crailsheim vorzulegen. Brummer gerät aufgrund der unklaren Lage in einen Loyalitätskonflikt. Wegen seiner erkennbaren Verunsicherung wird er von einem ranghöheren Expeditor aus München abgelöst.

Im Laufe des Nachmittags ändert sich die Lage. Was für die Schwangauer Bevölkerung zunächst nach Putsch und Staatsstreich ausgesehen hat, bekommt nun durch telegrafische Weisungen aus München juristische Legitimation.

Freitag, 11. Juni

Minister Crailsheim sperrt von 2.30 Uhr an alle Telegrafenstationen in Oberbayern und Schwaben für den König. Ludwig ist damit nun völlig von der Außenwelt isoliert. Der Journalist Anton Memminger notiert, die Hohenschwangauer Bevölkerung schmiede Befreiungspläne. Ludwig winkt ab: „Um meinetwegen soll kein Blut vergossen werden.“ Der König ist verzweifelt. Er begreift nicht, dass sein Blutsverwandter Luitpold und die Regierung sich erdreisten, ihn für verrückt zu erklären und einsperren zu wollen. Er hat große Angst vor einem ähnlichen Schicksal, wie es sein geisteskranker Bruder in Schloss Fürstenried erleidet, er will nicht eingesperrt und geschlagen werden. Er äußert Selbstmordabsichten. Immer wieder fordert er die Lakaien auf, ihm Gift zu besorgen.

Regierungskommissare belehren den Gemeindeausschuss von Hohenschwangau, die Bevölkerung habe Ruhe und Ordnung zu bewahren, die Regentschaftsübernahme sei gesetzmäßig. Wer bei der Festsetzung des Königs Widerstand leiste, habe mit schwerster Strafe zu rechnen.

Die zweite Fangkommission reist nachmittags aus München ab. Die Bevölkerung reagiert aufgewühlt. Dem König wird der Wunsch nach einem Spaziergang verwehrt. Man hat Sorge, er könne versuchen, sich vom Turm oder irgendwo anders in die Tiefe zu stürzen. Ludwig kann sich nicht damit abfinden, dass man ihn für geisteskrank erklären will. Sein Flügeladjutant Graf Dürckheim kommt in München in Untersuchungshaft, ihm droht ein Verfahren wegen Landes- und Hochverrats. Dürckheim besteht darauf, er habe als Flügeladjutant korrekt gehandelt.

Um Mitternacht trifft die zweite Fangkommission unter der Leitung von Dr. Gudden in Neuschwanstein ein. Ein Major empfängt sie mit den Worten: „Der König befindet sich in einem sehr erregten Zustand, und wir befürchten, dass er versucht sich umzubringen.“

Samstag, 12. Juni

Die Darstellungen über die Festsetzung Ludwigs II. im Schloss Neuschwanstein gehen weit auseinander. Es ist unklar, was wirklich vor sich ging. Als ihn die Pfleger ergreifen, setzt er sich wohl nicht zur Wehr. Immer wieder sagt er: „Ja was wollen Sie denn?“ Der Arzt von Gudden tritt vor und verkündet: „Majestät, es ist die traurigste Aufgabe meines Lebens, die ich übernommen habe; Majestät sind von vier Irrenärzten begutachtet worden, und nach deren Ausspruch hat Prinz Luitpold die Regentschaft übernommen. Ich habe den Befehl, Majestät nach Schloss Berg zu begleiten, und zwar noch in dieser Nacht.“

Der König taumelt. Er erkennt Gudden wieder, von einer lange zurückliegenden Audienz anno 1874. Ludwig sagt, es sei eine Verschwörung im Gange. Gudden hält ihm seine Geisteskrankheit vor.

Der an der Abholung beteiligte Assistenzarzt der Münchner Kreisirrenanstalt, Franz Carl Müller, schreibt die nächtliche Szene Wort für Wort mit:

Ludwig: „Wie können Sie mich für geisteskrank erklären, Sie haben mich ja gar nicht vorher angesehen und untersucht?“

Gudden: „Majestät, das war nicht notwendig; das Aktenmaterial ist sehr reichhaltig und vollkommen beweisend, es ist geradezu erdrückend.“

Ludwig: „So? So? Also Prinz Luitpold hat es jetzt glücklich so weit gebracht, dazu hätte er nicht so einen Aufwand von Schlauheit gebraucht, hätte er ein Wort gesagt, dann hätte ich die Regierung niedergelegt und wäre ins Ausland gezogen. Nun, wie lange wird die Kur wohl dauern?“

Gudden: „Majestät, in der Verfassung steht: wenn der Regent länger als ein Jahr durch irgend einen Grund an der Ausübung der Regierung gehindert ist, dann tritt die Regentschaft ein, also würde ein Jahr vorläufig der kürzeste Termin sein.“

Ludwig: „Nun, es wird wohl rascher gehen, man kann es ja machen wie mit dem Sultan, es ist ja leicht, einen Menschen aus der Welt zu schaffen.“

Gudden: „Majestät, darauf zu antworten, verbietet mir meine Ehre.“

Um vier Uhr morgens kommen die Wagen, der König wird abgeholt. In würdevoller Haltung verlässt Ludwig II. das Schloss Neuschwanstein. Es ist regnerisch. Im Schloss Berg am Würmsee werden Sicherheitsvorkehrungen gegen mögliche Flucht- und Selbstmordversuche getroffen. An den Türen werden die Klinken abgeschraubt, man kann sie nur von außen mit einem Dreikant öffnen. Die Fensterläden im Schlafzimmer werden verschlossen. In die Türen werden Gucklöcher eingesetzt, durch die man große Teile der Räume von außen einsehen kann. Pfleger sollen den König rund um die Uhr bewachen. Eine große Zahl von Menschen erwartet Ludwigs Ankunft.

Nach achtstündiger Fahrt für die ungefähr 100 Kilometer erreicht die Kutsche gegen 12.30 Uhr Berg. Ruhig und gefasst bezieht Ludwig seine Zimmer im 2. Stock. Zu einem Pfleger sagt er, es sei ihm sehr unangenehm, wenn da immer jemand hereinschaut, man kann sich ja nicht einmal waschen.

Gegen Abend erscheinen Polizeibeamte in Berg, der Schriftsteller Oskar Maria Graf protokolliert diese Stunden: „Ab heute ist es verboten, nach Einbruch der Dunkelheit die Straße zu betreten, Besuche zu machen oder sich in der Nähe der Schlossmauern sehen zu lassen.“ Die Bevölkerung murrt immer noch, man munkelt, König Ludwig solle insgeheim umgebracht werden wie ein Lump.

Gudden erstellt einen Therapieplan. Zu seinem Assistenzarzt Müller sagt Gudden, Ludwig sei wie ein Kind, eine Gefahr gehe von ihm nicht aus.

Sonntag, 13. Juni

Es regnet, es ist kalt, die Stimmung in der Bevölkerung ist erregt, auch in München. Ludwig redet in der Früh lange mit Dr. Gudden, glaubt, sein Onkel Luitpold werde von Verschwörern missbraucht. Ein Besuch der Pfingstmesse in Aufkirchen wird dem König verwehrt. Ganz in der Nähe, in Feldafing, logiert Kaiserin Elisabeth von Österreich, Ludwigs beste Freundin und Seelenverwandte. Sie könnte in Fluchtpläne eingeweiht sein.

Eine zeitgenössische Darstellung zeigt den König im Kampf mit Gudden.
SZ PHOTO
Eine zeitgenössische Darstellung zeigt den König im Kampf mit Gudden.

Der preußische Diplomat Graf Eulenburg berichtet, „dass schon in der Nacht, als der König von Schwanstein nach Berg transportiert wurde, Komplotte zu seiner Befreiung geschmiedet worden sind“ und zwar auch „von der Kaiserin von Österreich“.

Prinzessin Therese von Bayern notiert im Tagebuch, dass Elisabeth „im Geheimen einen Befreiungsplan ins Werk gesetzt und hiervon den König verständigen hat lassen.“ Vor dem Tor des Schlossparks von Berg werden in der Todesnacht Wagenspuren entdeckt, sie werden Elisabeth zugeschrieben, möglicherweise sollte Ludwig diesen Wagen besteigen.

Ludwig II. spricht am Morgen in Schloss Berg von einem Komplott. Der Arzt Dr. Grashey kommt zu dem Urteil: „Für rettungslos halte ich den Zustand Seiner Majestät nicht.“

Nach einem gegen 16 Uhr aufgetragenen Abendessen brechen Ludwig II. und Dr. Gudden zwischen 18.30 und 18.45 Uhr zu einem Spaziergang auf. Sie legen gut 800 Meter auf dem Seeweg in südlicher Richtung zurück.

Etwa 15 Meter vom Seeufer entfernt und 18 Meter unterhalb der damals dort aufgestellten Ruhebank weicht der vorausgehende König unerwartet in Richtung See ab. Als Gudden dem König am Seeufer hinterher eilt, kommt er zu Sturz. Er rappelt sich auf und versucht ihn aufzuhalten. Trittspuren im lehmigen Grund des Sees weisen auf ein Gerangel hin. An seiner Leiche finden sich später Verletzungen, die er sich dabei zugezogen hat.

Im Schloss Berg herrscht helle Aufregung, weil die beiden Spaziergänger nicht zurückgekehrt sind. Gegen 22.30 Uhr werden der Hut und Kleidungsstücke des Königs am Ufer entdeckt.

Dr. Müller hält in seinen Aufzeichnungen fest, er habe mit dem Schlossverwalter und einem Fischer gegen 23 Uhr ein Boot bestiegen. „Wir waren noch nicht lange auf dem Wasser, da stieß Huber plötzlich einen Schrei aus und sprang ins Wasser; er umklammerte einen Körper, der auf dem Wasser daherschwamm, es war der König in Hemdsärmeln; ein paar Schritte hintendrein kam ein zweiter Körper – Gudden.“ Die stehen gebliebenen Uhren zeigen an, dass der Tod der beiden gegen 19 Uhr eingetreten ist.

SZ-GRAFIK

Montag, 14. Juni

Am Tag nach Ludwigs Tod ist von Mord die Rede. Der Fischer Lidl, der Augenzeuge der Ermordung gewesen sein soll, dient als Hauptzeuge der Mordtheoretiker. Er trägt seine Erlebnisse und Beobachtungen fein säuberlich in ein Schulheft ein, das aber verschollen ist.

Bei der Obduktion von Ludwigs Leichnam in der Münchner Residenz sind laut Protokoll „nirgends Verletzungen an der Körperoberfläche, insbesondere keine Abschürfungen der Oberhaut am Halse oder Gesichte wahrnehmbar.“ Es finden sich auch keine Anhaltspunkte für Schuss-, Schlag- oder Stichwunden. Auf einen Tod durch Ertrinken weist vor allem die Lunge hin, allerdings zeigt der Befund, wie im Katalog der Landesausstellung von 2011 nachzulesen ist, ein unspezifisches Bild. Neben Suizid kommen auch ein Kreislaufkollaps und ein Herzinfarkt als Todesursache in Frage.

Stichhaltige Beweise für eine Ermordung Ludwigs II. gibt es nicht. Wilhelm Wöbking, der den Fall vor 30 Jahren in kriminologischer und juristischer Sicht umfassend untersucht hat, kommt zu dem Schluss, dass dem Tod Ludwigs II. mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Verbrechen zugrunde liegt.

Für den Juristen Peter Gauweiler spielt es letztlich keine Rolle, ob Ludwigs Tod am Abend des 13. Juni 1886 bei einem Fluchtversuch geschah oder durch Selbstmord. „Die Minister haben ihn auf dem Gewissen. Wer den König gegen Recht und Gesetz verschleppen und einsperren lässt, trägt Mitschuld an dessen Tod bei der Flucht.“

 

Bausucht

Der Niedergang Ludwigs II. hat schon viele Jahre vor seinem Tod begonnen. Der König hatte sich seit dem Jahr 1875 nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen und sich auf seine Schlösser zurückgezogen. Seine repräsentativen Pflichten übernahmen sein Onkel Prinz Luitpold (1821-1912) und dessen Söhne, an die der König allerdings nur geringe Sympathien verschwendete.

Im Jahr 1885 schlitterte das Königreich Bayern in eine Staatskrise. Ludwig II. hatte wegen seiner Bausucht Schulden in Höhe von 14 Millionen Mark angehäuft, er stand vor dem Bankrott. Trotz wachsender Kritik an seinem Verhalten blieb Ludwig stur. Er bezeichnete das Bauen als seine Hauptlebensfreude und versuchte permanent neue Geldquellen anzuzapfen. Seine Schulden wurden auch für seine Verwandtschaft zur Belastung, der Thronfolger hatte nämlich die Schulden seines Vorgängers zu übernehmen. Das von Ludwig ernannte Ministerium unter dem Vorsitz von Johann von Lutz verhielt sich zunächst zurückhaltend.

Als die Spannungen wuchsen und Ludwig die Entlassung seiner Regierung erwog, verständigten sich die Minister und die Wittelsbacher Agnaten um Prinz Luitpold. In drei Ministerratssitzungen am 7., 8. und 9. Juni 1886 wurde über Entmündigung und Regentschaftseinsetzung beraten. Gerhard Immler, der Leiter des Geheimen Hausarchivs, hat die Protokolle der Ministerratsdiskussion analysiert und aufgezeigt, dass besonders Lutz und der Psychiater Gudden auf eine Entmündigung drängten und Alternativen wie etwa die freiwillige Abdankung verwarfen. Am 9. Juni lag Guddens (aus der Ferne erstelltes) Gutachten bezüglich einer Geisteskrankheit des Königs vor, das den Vorwand für dessen Entmündigung lieferte.

Ohne förmlichen Beschluss stellten die Minister die Regierungsunfähigkeit und die Entmündigung des Königs fest, Prinz Luitpold übernahm die Regentschaft. Eine Kommission wurde beauftragt, den König zu internieren.

Der rechtlose Herrscher

„Die Entfernung Ludwigs II. aus seinem Königsamt war unvermeidlich und notwendig“, bilanzierte der kürzlich gestorbene Historiker Rupert Hacker vor einigen Jahren die Königskrise von 1885/86. Der König habe durch sein Verhalten gezeigt, dass er seine Verpflichtung zur verantwortlichen Erfüllung seiner Herrscheraufgaben nicht mehr wahrnehmen wollte und konnte. Andererseits sei ihm durch die fahrlässige und unzutreffende „Verrückterklärung“ und seine demütigende Inhaftierung zweifellos großes Unrecht zugefügt worden, sagte Hacker. Die hauptsächliche Verantwortung trägt für ihn „der allzu selbstbewusste Psychiater Gudden mit seiner leichtfertigen Ferndiagnose, die den König fälschlich zum unheilbar Geisteskranken abstempelte, was seine Entmündigung und Inhaftierung nach sich zog.“

Der Jurist und frühere CSU-Politiker Peter Gauweiler beurteilt die Absetzung Ludwigs II. noch weitaus schärfer. „Was damals in Bayern stattfand, war ein Staatsstreich“, resümiert er. Die Minister hätten die Entmündigung des Königs vorangetrieben, um sich selber zu retten.

Für Gauweiler besteht kein Zweifel, dass die exekutiven Träger der Staatsaktion alles missachtet, gebeugt und gebrochen haben, was zu dieser Zeit – 1886 – im Deutschen Reich und im Königreich Bayern Recht war: die Civilprozessordnung von 1879 mit ihren schon ziemlich rechtsstaatlich verfassten Vorschriften für Entmündigungen (persönliche Untersuchung, rechtliches Gehör, gerichtliches Verfahren), die Bayerische Verfassung von 1818 („die Person des Königs ist heilig und unverletzbar“) und die Hausgesetze der Wittelsbacher, die für einen derartigen Fall die Einschaltung der Präsidenten des Bayerischen Obersten Landesgerichts und des Oberlandesgerichts vorgesehen hätten.

Weil das alles nicht geschah, stellt Gauweiler dem Ministerrat in der Entmündigungs-Sache Ludwig II. nach Maßstab des damals in Bayern geltenden Rechts ein vernichtendes Urteil aus. „Man muss betroffen feststellen, dass dem König in keiner Phase dieses Verfahrens irgendwelche der Rechte oder Verteidigungsmittel zugestanden wurden, die nach damaliger Rechtslage in Bayern im Entmündigungsverfahren für jedermann selbstverständlich waren.“

„Der von mir bezeichnete Weg der Abdankung wäre der schönere gewesen.“

Wie krank Ludwig II. wirklich war, darüber wurde in der Wissenschaft lange Zeit gerungen. Heute gehen die meisten Psychiater davon aus, dass Ludwig nicht an einer Geisteskrankheit im Sinne einer Psychose, also einer Paranoia oder Schizophrenie, gelitten hat. Für Hans Förstl, den Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München, zeigte Ludwig die Merkmale einer schizotypen Störung. Viele Symptome aus dem Krankheitskatalog passen auf ihn: Ludwigs exzentrisches, oft gekünsteltes Verhalten, dass er sich zurückgezogen und sozial isoliert hat, sein Misstrauen, die Grübeleien und Ängste und die gelegentlich fragwürdigen Wahrnehmungen.

Der König war demnach psychisch gestört, aber nicht geisteskrank. Noch heute wirkt es erstaunlich, wie bedenkenlos weitreichende Entscheidungen über den König getroffen wurden, obwohl ihn der Chefgutachter Gudden nur einmal, nämlich zwölf Jahre zuvor, gesehen hatte. Die Mitgutachter hatten Ludwig nie zu Gesicht bekommen. Tatsächlich hat nie jemand aus der Politik, auch nicht Prinz Luitpold, um eine Audienz nachgesucht.

Ludwig hätte sie nicht verweigert, glaubte Hacker, denn er sei ernsthaften Argumenten meist zugänglich gewesen. Den Ministern und dem Prinzen Luitpold ist anzukreiden, dass sie es unterlassen haben, dem König im persönlichen Gespräch den Ernst der Lage klarzumachen. Überdies haben sie es versäumt, sich in persönlichen Kontakten eine Vorstellung von dessen Gesundheitszustand zu verschaffen. Dann hätte vielleicht auch der Versuch, den König zur Abdankung zu veranlassen, eine Chance gehabt.

Auf Postkarten blüht die Sehnsucht nach dem „Kini“.
POSTKARTEN AUS DEM BUCH „‚DEIN BILD WIRD EWIG LEBEN …‘ KÖNIG LUDWIG II. VON BAYERN IM SPIEGEL HISTORISCHER POSTKARTEN“ VON CORNELIA OELWEIN, ERSCHIENEN IN DER VERLAGSANSTALT „BAYERLAND“, DACHAU.
Auf Postkarten blüht die Sehnsucht nach dem „Kini“.

Der integre Freiherr von Franckenstein hatte dies mehrmals vorgeschlagen. Er war überzeugt davon, der König sei nicht geisteskrank, aber regierungsunfähig. Einen Tag vor Ludwigs Tod schrieb er in einem Brief am 12. Juni 1886: „Die Sache ist recht traurig. Der König musste von der Regierung entfernt werden. Der von mir bezeichnete Weg der Abdankung wäre der schönere gewesen.“

Welche Motive steckten wirklich hinter dem „Staatsstreich“? Ministerpräsident Johann von Lutz, der maßgeblich am Sturz Ludwigs II. beteiligt war und Guddens Gutachten über den Geisteszustand in Auftrag gab, erklärte in seiner Rechtfertigungsrede vor der Abgeordnetenkammer am 26. Juni 1886: Das Motiv für das Vorgehen der Minister sei „königstreuer, opfermutiger Patriotismus“ gewesen.

Das ist nicht die ganze Wahrheit. Lutz und dem Ministerrat ging es um den Erhalt ihrer Machtstellung. Dass der ehrgeizlose Prinz Luitpold aus Pflichtgefühl dem Vorgehen der Minister und der Übernahme der Regentschaft zugestimmt hat, ist offensichtlich. Die Bevölkerung nahm es ihm übel:

Luitpold wurde lange Zeit als Verräter verachtet.

Ein Hilferuf

Wer geglaubt hat, nun sei alles über das Leben und Sterben des sogenannten Märchenkönigs gesagt und das Interesse an diesem Mythos werde abflauen, muss sich getäuscht sehen. Ludwig II. produziert nach wie vor Schlagzeilen, zuletzt im Sommer 2016 durch das Auftauchen seines letzten Briefs an Prinz Ludwig Ferdinand, den er kurz vor seinem Tod verfasst hatte.

Unter anderem heißt es darin: „Hättest Du so etwas für möglich! gehalten. Schon früher schrieb ich Dir daß ich über absichtlich mit Geld herumgestreute Gerüchte über mich (angebliche Krankheit) an der nicht eine Sylbe wahr ist p) gehört habe. Es ist zu arg. Es muß Licht in diesen Abgrund von Bosheit kommen!“

Insgesamt ist Ludwigs Leben gänzlich ausgeleuchtet, doch die große Biografie ist noch nicht geschrieben. Ansonsten gibt es Literatur zuhauf. Eine fundierte Grundlage bietet der Katalog der Landesausstellung von 2011, gute Einführungen liefern die Übersichtswerke von Rumschöttel, Hilmes, Spangenberg sowie Endl/Reichold. Empfehlenswert ist die Biografie von Ludwig Hüttl (1986). Unabdingbar für Ludwig II.-Interessenten ist das Buch des Arztes Franz Carl Müller aus dem Jahr 1888: „Die letzten Tage König Ludwig II. von Bayern nach eigenen Erlebnissen geschildert.“

Zuletzt legten Alfons Schweiggert und Erich Adami ein minutiöses Protokoll der letzten Tage Ludwigs II. vor – nach Auswertung aller bekannten Quellen. Zu wenig beachtet wurde bislang der erhellende Aufsatz von Johannes Willers über die Rolle von Post und Telegraph bei der Entmachtung des Königs (Archiv f. Postgeschichte in Bayern, 1986).

 

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Interview de l’héritier Wittelsbach

Unser König in Kenia 

Der künftige Wittelsbach-Chef im tz-Interview

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Ludwig von Bayern beim Interview-Termin mit tz-Redakteurin Maria Zsolnay.

München – Ludwig von Bayern bildet in der afrikanischen Kleinstadt Lodwar junge Kenianer aus. Die tz traf den 34-Jährigen bei den traditionellen Salongesprächen im Dachgarten des Hotels Bayerischer Hof.

Die Ähnlichkeit mit seinem weltberühmten Vorfahr Ludwig II. lässt sich nicht leugnen.

 

Was dem schillernden Märchenkönig seine Schlösser an entlegensten Orten waren, ist Ludwig von Bayern (34) sein mutiges IT-Projekt in einer armen Wüstengegend in Nordkenia. Mit seinem Hilfsprojekt Startup­ Lions („weil sich Bayern wie Kenianer mit Löwen identifizieren können“) bildet der Jurist in der Kleinstadt Lodwar junge Kenianer u.a. für die Programmierung von Webseiten aus. Bis zu neun Monate lernen die Schüler am Computer, um schließlich selbstständig Geld zu verdienen. Finanziert wird das Projekt von Spenden – Ludwig von ­Bayern und seine Mitstreiter selbst verdienen keinen Cent.

Die tz traf den 34-Jährigen bei den traditionellen Salongesprächen im Dachgarten des Hotels Bayerischer Hof. Oft fliege er nicht hin und her, „schon allein wegen der CO2-Emission“. Der Prinz, der irgendwann der neue Chef des Hauses Wittelsbach wird, kann sich völlig frei in München bewegen. Er sei immer froh, wenn er nicht erkannt werde. Und da ist er ganz anders als sein Vorfahr: unglamourös, bescheiden, sehr korrekt.

Wie spreche ich Sie korrekt an?

Ludwig von Bayern: Nach deutschem Namensrecht wäre es Herr Prinz von Bayern. Nach altem Höflichkeitssrecht Königliche Hoheit. Dazwischen ist alles möglich. Ich persönlich stell’ mich nur mit Ludwig Bayern vor. Im privaten Leben, wenn es keinen Bezug zur Familie und Historie hat, dann versuche ich es so einfach wie möglich zu halten, um auch keine Fragen beantworten zu müssen.

Aber allein durch die Ähnlichkeit mit Ihrem Urahn König Ludwig II. ­fallen Sie auf…

Ludwig von Bayern: Ich weiß, ich höre das oft. Ich sehe das nicht so. Und wenn ich in Afrika bin, habe ich so eine ­Mähne (fasst sich mit beiden Händen an den Kopf). Gestern war ich allerdings hier beim Friseur, weil in Afrika kommen sie mit unseren Haaren nicht gut zurecht.

In Afrika, wo Sie leben und arbeiten, ist vieles anders…

Ludwig von Bayern: Ja, das nächste Straßennetz ist 350 Kilometer weg, auf dem Weg dorthin gibt es nur Sandpiste und Krisengebiete. Manchmal wird auch auf Autos geschossen. Aber die Weißen haben dort ein gutes Standing, weil sie Missionare waren.

Wie wohnen Sie?

Ludwig von Bayern: Improvisiert, in einer alte Schule. Vorher hab ich auch mal ein halbes Jahr im Zelt gewohnt. Man braucht nicht viel. Ich bin schon froh, wenn es mal fließendes Wasser gibt, was nur alle drei Wochen der Fall ist. Man denkt immer, man bräuchte so viel.

Wie kommen Sie ausgerechnet nach Kenia?

Ludwig von Bayern: Ich mache seit 2010 für den Wittelsbacher Hilfsverein Nymphenburg Projekte im Ausland. Wir leisten Hilfe zur Selbsthilfe, bauen Schulen oder geben Anleitung zum Körbeflechten. Gefehlt hat mir immer, dass man jungen, begabten Menschen kaum Perspektiven bieten kann. Zwei Wochen einen Korb flechten, den man für drei, vier Euro verkaufen kann – so was jungen Menschen als Lebensweg anzubieten, puuh, schwierig.

Wie kamen Sie dann auf die IT-Idee?

Ludwig von Bayern: In den wirklich entlegensten Gebieten Kenias gibt’s Mobilfunknetz und man kann überall und sofort mit einem Handycode bezahlen. Ich kann mir dort eine ­Ziege von jemanden kaufen, der noch nicht einmal ein Bankkonto hat.

Für was bilden Sie die Leute aus?

Ludwig von Bayern: Wir versuchen die Leute auf Mikrotasking-Plattformen vorzubereiten, wo Dienstleistungen gesucht und angeboten werden. Zum Beispiel: Sie wollen einen Kalender druckfertig formatieren. Ein Grafiker macht das hier für vielleicht 300 Euro. Wenn ich es dort machen lasse, zahlen Sie 30 Euro. Jemand, der gut ist, kann damit 1000 bis 2000 Euro im Monat verdienen, das ist realistisch.

Und damit seine Familie unterhalten?

Ludwig von Bayern: Damit können Sie dort ein ganzes Dorf unterhalten. Aber das ist auch ein Problem. Die jungen Leute verdienen oft das Zwanzigfache von anderen. Die Versuchung, Unfug zu machen, ist groß und außerdem steht die ganze Familie bei ihnen auf der Matte und will Geld. Deshalb wollen wir selber einen Campus bauen, weit draußen, außerhalb von Siedlungen. Dann können wir auch unsere eigene Wasser- und Stromversorgung sichern, um nicht auf das öffentliche Netz angewiesen zu sein, das einfach unterirdisch ist.

Vermissen Sie nichts?

Ludwig von Bayern: Für vermissen habe ich leider keine Zeit.

Was sagt Ihre Freundin zu Ihrem Leben?

Ludwig von Bayern: Bestimmte Lebensbereiche versuche ich privat zu halten. So habe ich auch keinen Facebook-Account.

Feiern Sie Weihnachten in Afrika?

Ludwig Bayern: Ich habe jetzt zwei Weihnachtsfeste verpasst und ich glaub’, wenn ich jetzt nicht Zuhause feiere, bekomm’ ich Ärger (lacht).

Das Interview führte Maria Zsolnay

Er würde König Ludwig IV. sein

Gäbe es in Bayern noch die Monarchie, würde ­Ludwig Heinrich Prinz von Bayern einmal als König Ludwig IV. den Thron besteigen. Doch auch so kommen auf den heute 34-Jährigen wichtige Aufgaben zu. Nach seinen beiden Onkeln Franz Herzog von Bayern (amtierender Wittelsbacher-Chef), Herzog Max in Bayern und seinem Vater Luitpold von Bayern, der u.a. die Schlossbrauerei Kaltenberg betreibt, ist Ludwig von Bayern der dritte in der Thronfolge. Aufgewachsen in Kaltenberg, ging er in England aufs Internat. Nach seinem Jura-Studium lernte er bei Herzog Franz die Aufgaben des zukünftigen Oberhauptes des Hauses Wittelsbach kennen.

Source : https://www.tz.de/stars/kuenftige-wittelsbach-chef-im-tz-interview-6998775.html